Plörre!

Es trifft mich tief ins Herz, wenn bei Bieren von Plörre gesprochen wird. Vergleichbar mit Aussagen über „ekeliges“ Essen.

Nach meiner Auffassung sind Speisen, wenn sie nicht verdorben sind, niemals als ekelig zu bezeichnen. Vielleicht mag ich etwas nicht essen, riechen oder gar ansehen – das ist ein absolut subjektives Empfinden. „Ekelig“ – geht gar nicht.
Das ist vermessen und arrogant. Die Aussage missachtet das Lebensmittel. Sie missachtet aber auch die Traditionen und handwerkliche Fähigkeiten einer Köchin oder eines Kochs, der bzw. die die Zubereitung der Speise mit viel Mühe, Wissen und vielleicht auch Liebe vorbereitet und durchgeführt hat. Liebe zu den Zutaten und den Gewürzen. Liebe zu den Traditionen und Liebe zum Beruf oder Hobby.
Für solche abwertenden und ignoranten Aussagen sollte es ohne Vorwarnung etwas hinter die Löffel geben.

So oder so ähnlich verhält es sich mit der „Plörre“.
Jeder Koch, Bäcker oder in diesem Fall jeder Brauer gibt sicherlich sein Bestes, um ein ansprechendes Produkt herzustellen, das dem Anspruch seiner Zielgruppe entspricht. Dazu gehört mindestens ein angeeignetes handwerkliches Grundwissen ebenso wie geeignete Zutaten. Wenn der Brauer seinen Job liebt und mit Liebe und Herzblut zu Werke geht, wird er sein Wissen vertieft und hochwertige Grundstoffe ausgewählt haben. Er ist ja kein Druide aus Asterix & Obelix, der irgendwas in seinem Topf zusammenrührt, und selbst der hat seine Rezepte aus ausgesuchten Kräutern. Ganz sicher ist der Brauer oder Koch stolz auf seine Speise oder sein Getränk.

Allein die Worte „Ale“ oder „Lager“ rufen bei den allenthalben auftauchenden Bierexperten sehr oft die Bemerkung „Plörre“ hervor. Ich verstehe ja, dass man als 08/15-Fernsehbier-Trinker oder Mixbier-Konsument mit der Aromaexplosion von Craftbieren in Nase und Mund überfordert ist.
Zugegeben: Auch mir schmecken viele Biere nicht. Aber deshalb sind sie keine Plörre. Ich trinke sie aus und gut ist. Siehe oben.
Wie Speisen brauchen auch Biere manchmal eine zweite oder gar weitere Chancen.

Was ist ein Ale?

Ein Ale ist nichts Anderes als die (englische) Bezeichnung für obergärig vergorene Biere. Demzufolge sind traditionell hoch angesehene Biere wie ein Düsseldorfer Alt oder das Kölner Pendant „Kölsch“ ebenso wie eine „Berliner Weiße“ also Ales.
Wo wir gerade bei der Namensgebung sind: Ein „Alt“ trägt seinen Namen vermutlich, weil es nach dem wahrscheinlich ältestem Brauverfahren, dem Obergärigen, hergestellt wurde. Das liegt nahezu auf der Hand, denn kalte Felsenkeller, die niedrige Gärtemperaturen für untergärige Biere garantierten, wuchsen auch schon früher nicht überall und Carl von Linde brauchte bis zum 20. Januar 1874 bis seine erste Kühlmaschine ans Laufen kam.
Eine niederrheinische Weisheit besagt übrigens, dass ein „Alt“ selten alt wird  😉 .

Ales enthalten in der Regel mehr Alkohol als die bei uns gängigen Biere; liegen als zumeist oberhalb der 5%-Marke. Neuere, modernere (?) Ales sind zudem meist stärker bis extrem stark gehopft.

Über die unterschiedlichen Stile und Ausprägungen von Ales schreibe ich einen separaten Blogbeitrag. in diesem hier geht es ja um die „Plörre“.

Selbstverständlich gehören zu den traditionellen Ales eben auch die aus Großbritannien, Irland und Amerika, wobei Amerika natürlich aus dem Zulauf der europäischen brauenden Auswanderer zwischen 1850 und 1934 profitierte und Wissen abzog.
Was das Brauen angeht, sind neben Deutschland England und Irland die weltweit traditionsreichsten Länder. In England prägen die Ales, Bitter und englischen Lager noch immer erfolgreich die Bierlandschaft der Pubs und Restaurants.
Selbstverständlich kann man nicht darüber streiten, ob englische Biere schmecken. Man mag sie oder auch nicht. Subjektiv ist auch das Empfinden, ob eine stattliche Schaumkrone auf ein gezapftes Bier gehört – und Platz für weiteres Bier im Glas wegnimmt.

Ich mag schon englische Biere. Traditionell im Fass bei Raumtemperatur gelagert und von Hand ins Pintglas gepumpt; nicht unter Druck gezapft. Nicht immer, aber immer, wenn ich mal dort bin.

Ganz besonders werden mir Besuche in einem Pub im südenglischen Dorf Sandgate in Erinnerung bleiben. Im „The Ship Inn“ der 1990/Anfang 2000-er Jahren lagen Sägespäne, um übergeschwapptes Bier aufzusaugen, auf den hölzernen Fußboden. Allein das verlieh dem Pub einen ganz besonderen Charme.
Das Bier lagerte bei Zimmertemperatur im Schankraum und war je nach Jahreszeit in den Aluminiumfässern mal mehr mal weniger warm. Die bekannten englischen Handpumpen beförderten die Biere durch transparente Schläuche drucklos ins Pint. Beim ersten Mal war sowohl die Temperatur als auch das Bier für mich stark gewöhnungsbedürftig, in den folgenden Jahren wurde ein Besuch dort zur Pflicht. Erinnerungen. Heute ist das nicht mehr so.

Ein „Weizen“ ist, obwohl obergärig gebraut, kein Ale. Es ist und bleibt ein Weizen oder Wheat, wie der Brite sagt. Da man sich außerhalb der heutigen DACH-Region kaum damit befasst, hat das Weizen weltweit kaum eine Bedeutung und auch der Brite kümmert sich nicht weiter darum. In „seinen“ Pubs ist es eh kaum erhältlich und wenn dann aus Flaschen, was den Barkeeper beim Einschenken erfahrungsgemäß hoffnungslos überfordert.
Ein naher Verwandter ist das belgische Witbier, in dem sich Hopfen als Bitter- und Aromakraut nicht zwangsläufig wiederfindet. Das mag durchaus nach traditionellen Rezepten durch „Grut“ (belg. „Gruit“) erfolgen. Grut ist ein rechtlich nicht bindender Ausdruck für eine Kräutermischung, zu der Hopfen gehören kann, aber nicht muss. Aber dazu später in einem anderen Blogpost mehr.

Ist ein Lager auch alt?

Wenn man Briten zuhause in den Pubs, in Europa oder wo auch immer in der Welt bei ihrer Bestellaufgabe am Tresen zuhört, bestellen sie sehr oft ein „Lager“. Sie bekommen dann meistens ein kaltes Pils, Export oder Helles. Eiskalte Biere stehen bei den Briten seit langem hoch im Kurs; meistens die der bekannten großen Brauereien aus Holland oder Amerika. Etwas fad mit viel Kohlensäure und nahezu durchsichtig. Fernsehbiere eben.

Ein Lager trägt seinen Namen nicht etwa, weil es ewig lange im Fass oder in der Flasche herumliegt (lagert), sondern einfach, weil es die englischsprachige Bezeichnung für untergärige Biere ist. Die weltweit erhältlichen Lagerbiere, etwa aus Bremen oder Holland, sind natürlich länger in ihren Gebinden unterwegs und sind pasteurisiert – heißen aber nicht deswegen „Lager“. Sie haben auch nicht zwangsläufig einen tollen Geschmack. Wobei: Kein Geschmack ist auch ein Geschmack…

Und was ist nun ein „Lager“?

Wenn eine Ale ein obergäriges Bier ist, das ein „Lager“…. klar: ein untergäriges. Ein Pils, ein Helles, ein Export.

So einfach ist das mit dem Ale, dem Lager und der Plörre.

„Plörre“ ist wie „Bielefeld“. Fake. Gibt es nicht.